Aufbruch – Weg, Sehnsucht

(Katharina Karl, in Festschrift für Prof. Dr. E. Schulz 2004)

 

Berufung

 „Steh auf und zieh nach Süden.“ Eine konkrete Orientierung gibt der Engel des Herrn, das Navigationssysthem der Seele dem Phillipus. (Apg 8, 26- 40)  Der Intuition folgend bricht er auf. Er läßt sich diesen inneren Anstoß ein, er folgt dieser menschenleeren Straße, die ihm genannt wurde.

Es gibt Augenblicke im Leben, wo es uns zum Aufbruch drängt. Etwas kommt ganz tief von innen hoch und will aufgehen. Einer führt mich. Mein Leben bekommt eine Ausrichtung. Eine Bestimmung wird wach.

In mir wird aus der eigenen Glaubenserfahrung meines Lebensweges, aus dem Hören auf den Geist etwas geboren. Früher hätte ich nie gesagt, dass ich es für dringlich hielte, anderen den Glauben nahe zubringen. Aber die Erfahrung der eigenen Lebenswende durch die lebendige Begegnung mit Gott, die mich aus unheilvollen Beziehungen und Projekten befreit hat, und das Wissen um seinen Plan treiben mich hinaus. Zu kostbar ist, was ich kennen gelernt habe, als dass ich es für mich behalten könnte.

Da ist eine Unruhe, mich auf den Weg zu machen. Die Straße ist menschenleer. Ich weiß nicht wohin. Ich höre, ich soll los. Und breche auf.

 

Sehnsucht

Ein anderer ist auf dem Weg. Sicher sitzt er in seiner Sänfte. Auf dem Rückweg, nach Hause. Er sitzt da und liest die Propheten.

Er wollte raus. Einen Schatz hütet er, aber es  muss noch ein anderer Schatz im Leben verborgen sein. Deshalb die Wallfahrt. Ob er sich dessen so ganz bewusst ist? Jetzt ist er auf dem Rückzug. Aber die Sehnsucht hört nicht auf.

 

Am Anfang, bevor es losgeht, steht eine Suche. Dafür gibt es Anzeichen in mir: Unersättlichkeit ist das Merkmal meiner Seele. Kein Projekt fesselt mich ganz, kein Mensch kann mir „alles“ geben. Oft stellt sich im Leben die Frage: Ist da keiner? Ich auf jeden Fall habe mir diese Frage gestellt, als ich müde wurde von der Suche nach dem Leben. Alles, was ich zum Leben brauchte, war irgendwie da. Und trotzdem war da noch etwas verschüttet. Oft sind es ganz verrückte Wege und Umstände, die aufbrechen lassen. Die Sehnsucht zieht mit der untrüglichen Ahnung, dass das Leben ein „mehr“ bereithält.

Manchmal muss ich mich überwinden, das loszulassen, was meinen Aufbrüchen im Weg steht, und an der Sehnsucht dran zu bleiben. Was suche ich überhaupt? Was will ich? Glaub ich? Was zieht mich zurück?

Mehr als der äußere Aufbruch ist es ein Aufbruch des Herzens, meines ganzen Seins. Mit allem, was ich mitbringe: Glaube, Zweifel, Unruhe, Leiden, Neugier…

 

Begegnung

Genau da, auf der Straße des Lebens, kreuzen sich zwei Wege. Der eine, aufgebrochen mit einer Bestimmung, stößt auf einen anderen, einen Fremden mit einer Sehnsucht tief im Herzen. Zwei Menschen, zwei Kulturen begegnen sich. Bestimmung und Sehnsucht.

Ich geh hinter dem Wagen her und frage: „Verstehst du, was du liest?“ Verstehst du, was du lebst?

 

„Wie könnet ich, wenn mich keiner anleitet?“

Ich hatte schon manchmal in der Bibel gelesen, aber sie hat mir nichts „gesagt“, bis mich plötzlich ein Mensch  angesprochen und mir Begleitung angeboten hat. So ist es mir passiert, vor Jahren in einem Hörsaal der Uni. Ein Mädchen ha t sich einfach neben mich gesetzt. Sie ist eine Strecke mit mir gegangen und hat mich eingeladen zu einem Gottesdienst, wo im Austausch das Wort Gottes das erste Mal getroffen hat.

Ich habe gespürt, das  ist niemand mit schon fertigen Antworten, aber einer, der weise ist, aus Erfahrung, aus Erleben. Einer, der dabei war. Es ist kein Zufall, dass ich ihn getroffen habe. Ich will ihn einladen neben mir Platz zu nehmen.

 

„Von wem sagt der Prophet das?“

Wir sprechen vom Evangelium von Jesus. Unsere Weggemeinschaft ist Suchgemeinschaft. Die Erfahrung des einen begegnet der Erfahrung des anderen.

 

Die Freundschaft mit einer chinesischen Studentin ließ mich Anteil erhalten an solch einer Suchbewegung. Durch die Begegnung mit verschiedenen Christen wurden Fragen in ihr wach. Fragen nach dem Sinn der eigenen Karriere, der Tiefe und Ehrlichkeit von Freundschaften. Die Frage nach der eigenen Existenz, nach dem Absoluten. „Manchmal verliere ich mich selbst, ich muss mich aufmachen, um mich wieder zu finden.“ sagte sie mir. Sie hat die Bibel gelesen, aber nicht verstanden.

Wir sahen zusammen einen Jesusfilm. Das hat sie aufgerüttelt und sie konnte die          ganze Nacht nicht schlafen, wälzte das Evangelium und suchte im Internet nach den            katholischen Kirchen in ihrer Heimat. Dass jemand für die Liebe so viel getragen hat,        ließ sie nicht los.

Zwei Wochen späte schrieb sie mir aus China: „Ich habe meiner Familie auch viel von Gott geredet. Leider kann ich sie nicht überzeugen, dass es Jesus wirklich gegeben ist. Naja, bis jetzt war ich selbst auch nicht überzeugt.“ Jetzt glaube ich, dass es Gott gibt.   

Ein Horizont ist aufgerissen. Die Botschaft hat ein Gesicht bekommen: das Gesicht Jesu.

Wo diese Botschaft trifft, ist nicht nur die Menschlichkeit Jesu attraktiv. Es trifft die Sehnsucht nach einem Erlöser. Es ist die Entdeckung eines Gottes, der alle Zerbrochenheit trägt und heilt, der in seiner Schwachheit so stark ist, dass er den Tod überwindet.

 

Doch für mich bleibt eine Unruhe. Diese Erfahrung will genährt und vertieft werden. Werden, unser Zeugnis und unser Miteinander, unsere Lebendigkeit und Optionen für die Versöhnung, für das Eintreten der Werte Jesu, unser inständiges Beten meine Freundin überzeugen, den Schritt in unsere Glaubensgemeinschaft und in die Nachfolge Jesu zu tun?

Bis sie aus innerem Ergriffensein aus dem Wagen aussteigen will und sagt:

„Hier ist Wasser. Was steht meiner Taufe noch im Weg?“ Warum nicht anders weitergehen?

 

Die Suchbewegung Gottes zu den Menschen in Jesus wird fortgeführt durch seine Jünger: Durch mich. So wie ich durch andere angestoßen wurde, bindet Gott mich mit ein, Freunde zu begleiten. Mein Platz ist neben dem anderen. Egal, wie lange der Weg ist.

Jeder Aufbruch steht unter dem Zeichen von Gottes Plan und Gottes Vision. Denn der, der diesen Aufbruch initiiert und trägt ist der Schöpfergott, der Gott der Menschwerdung, der Gott der Auferstehung und Vollendung.

Wenn jemand zum Glauben findet, ist das ein ungeschuldetes Geschenk, Gottes Tat. Er ist der Beweger, der Initiator, der Regisseur.

Ich kann assistieren, der andere kann sich öffnen. Geschenk und Entscheidung.

 

Wende

Doch umso dringlicher ist es, Gottes Pläne und Initiativen ernst zu nehmen. Entscheidend ist

Der Wagen muss halten. Entscheidend ist, dass die Bewegung  der Suche innehält, jemand wirklich neues Leben schöpft, eine neue Schöpfung wird.

 

Was unbestimmt beginnt, mit einem Funken von Begeisterung, Hoffnung, Fragen,

was zunächst vielleicht nur ein Ausflug aus dem Alltag ist, wird ein Sich Einlassen in eine neue Wirklichkeit. Die Selbstfindung wird zur Gottfindung. Hier entsteht ein Raum der Anbetung, ein Heiliger Raum.

Erst wenn die Sehnsucht ihre Antwort in der Umkehr des Lebens gefunden hat, ist die Bestimmung erfüllt. Der eine wird fort-gerückt vom Geist. Der andere zieht weiter auf seinem Weg, aber unter neuen Vorzeichen, den Vorzeichen der Freiheit,  der Gotteskindschaft. Voll Freude.